Aufgetautes Suppenhuhn - was nun?

"Aufgetautes Suppenhuhn-was nun?!" ist der Titel der spektakulären Kabarett-Retrospektive, die Rosa K. Wirtz als Reminiszenz an ihre eigenen, wilden Anfangsjahre komponiert hat. Als "geschmackloses best-off" bringt diese drastisch-komische Revue eine zwerchfellerschütternde Abfolge schillernder Sketche und grotesker Nummern auf die Bühne. Ein echtes Suppenhuhn am Haken, eine erotische Hühner-Soap als Super-8-Film und zahlreiche, skurille Requisiten kombiniert Rosa K. Wirtz charmant und subversiv zu einem lachstarken Programm hart am Rande verschiedener Tabuzonen.

Über den kulturhistorischen Hintergrund dieses Programmes und so manch' delikates Detail informieren zwei ausführliche Pressetexte in Rosa kulturhistorisch und der folgendeden der Kölner Journalist Michael Meiger anlässlich der Premiere des "Best-off" im Atelier Theater im März 1999 aus bislang geheimgehaltenem Archivmaterial zusammenstellte.:

"Geflügelte Nummern"

Redaktioneller Beitrag zur Premiere des best-off-Programmes "aufgetautes Suppenhuhn-was nun?" am 10.03.99 im Atelier Theater/Köln

"So etwas bekam das Bielefelder Publikum nicht alle Abende zu sehen. "Von Hühnern, Häuten und Haarsträubendem": Mit dieser Titelzeile beginnt die ortsansässige Tageszeitung anderntags den Rapport an ihre LeserInnen. Und noch einen Kick verwegener (und einen Kick verwackelter) lautet die Unterzeile: "Schamröte und Lachkrampf lagen dicht beieinander". Was war geschehen?

Nun, eine "Dreiecksgeschichte zwischen Babyhaut, Hühnerhaut und Vorhaut" hatte sich am 9.Juli 1988 in der "Alten Pauline" zugetragen, veranlaßt "von einer Kölner Truppe" mit dem unaussprechlichem Bandwurmnamen "Gemischtes und Frauentheater Geschmacklos" Hätten die ZuschauerInnen angesichts diesen Namens nicht hinreichend gewarnt sein müssen, daß ihnen an diesem Abend ein klassisches Kabarett - Programm mit großer Wahrscheinlichkeit vorenthalten würde? Der Bielefelder Berichterstatter geht in medias res: "Das häufig im Mittelpunkt stehende Thema Sexualität wurde mit geradezu radikaler Offenheit behandelt. Schlagworte, die selbst heute noch schockieren können - Homosexualität, Selbstbefriedigung, Verhütungsmittel, Transvestitentum - wurden so amüsant dargestellt, daß ihnen sämtliche Brisanz geraubt wurde."

Nach dem reißerischen Aufmacher also die rhetorische Beruhigungspille. Alles nur halb so schlimm, nur halb so schonungslos und halb so schockierend gewesen? Die "Kölner Truppe" , die da 1988 die Provinz mit ihren waghalsigen Performances aufmischte, das waren Rosa K. Wirtz und Rainer Gößling; ein Duo, das bei einigen Aufführungen zum Trio avancierte, nämlich dann, wenn Rosas Töchterchen Viva-Marie mit auf die Bühne mußte (wenn sich kein Babysitter gefunden hatte...) Solange zumindest, bis das Ordnungsamt einer westfälischen Kleinstadt Wind davon bekam, daß da nach 20 Uhr ein Baby von nicht einmal einem Jahr auf der Bühne schuften mußte. Eine einstweilige Verfügung machte der "geschmacklosen Kinderarbeit" ein für allemal ein Ende. Ein Leserbriefschreiber gab nichtdestotrotz zu Protokoll: "Vielleicht sollten viele von uns ihre bürgerliche Erziehungsauffassung überdenken. Wir jedenfalls wünschen uns, daß viele Eltern ihre Kinder so in ihr Leben miteinbeziehen, wie die Mutter der kleinen Viva Marie es handhabt." Wahrscheinlich hat sich der Zorn entrüsteter ZuschauerInnen an noch ganz anderen Dingen aufgeheizt; und der Aufschrei "Kinder-haben-auf-der-Bühne-nichts-zu-suchen" galt nur dem vermeintlich offentsichtlichsten Angriffspunkt, um Zucht und Ordnung, Sitte und Anstand - wenn nicht im Lande, so doch im Spielplan - wieder herzustellen und die beiden Bürgerschreck-Gespenster aus der fernen Großstadt wieder loszuwerden.

Rosa K. Wirtz und Rainer Gößling, beide Anfang dreißig, verdienten ihr Geld in anderen Berufen; bei dem, was sie nach Feierabend anstellten, brauchten sie - das war zumindest ihre Devise - auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen. Nicht auf Theaterleiter, Dramaturgen und Regisseure, nicht auf die Medien - und auch nicht auf das sogenannte breite Publikum respektive dessen Geschmack. Ihre Performances, die ab 1986 entstanden und mit denen sie zuerst in den Hinterzimmern der Kölner Südstadtkneipen auftraten, sind ungehobelt - und unberechenbar. Nichts ist darin, wie es scheint. Und schon gar nicht so wie im vermeintlich "richtigen" Leben. Da werden gekochte Spaghetti statt Konfetti ins Publikum geschmissen, da kleidet sich die ansonsten nackte Rosa Wirtz in einem Teigmantel. Wirtz und Gößling stellen die Frage nach Original und Fälschung, nach "echten" Gefühlen gegenüber den "falschen" Dingen.

"Wie Rosa Wirtz mit ihrem gewickeltem Baby durch die Bänke zieht, um in ihrem echt kölschen Dialekt als junge Mutter jemanden zu finden, der das Kleine festhält, das ist so echt, daß man das Huhn in ihren Armen irgendwann wirklich für ein Baby hält", ist in einer vergilbten Kritik zu lesen. Ein guter Teil der Provokation resultiert aus der ungewohnten Authentizität der beiden Protagonisten. Gößling geht zum Beispiel mit seiner Homosexualität so plakativ um, daß manch ein Berichterstatter vermutet, sein schwules Gehabe sei nur vorgegaukelt - erst recht, weil es doch einen "schwulen Vater", wie die beiden ein ganzes Programm lang behaupten, per se gar nicht geben könne. Und die unübersehbar schwangere Rosa Wirtz gibt Anlaß zu interpretatorischen Exkursen: "So soll das gewickelte Hähnchen ihre Angst vor der unbekannte Aufgabe als Mutter widerspiegeln." Das Performance-Programm "Mißtraue der Idylle" ist ein Affront gegen die heile heitere Welt von Vater, Mutter, Kind. In dieser Kleinfamilie hängt nicht nur der Haussegen schief (und der röhrende Hirsch überm Wohnzimmersofa), sondern auch ein Gefrierhähnchen von der Decke. Das baumelt - alle viere weit von sich gestreckt - gerade dort, wo der Kronleuchter seinen angestammte Platz hat. das gerupfte Federvieh aus der Tiefkühltheke, das da im Scheinwerfer Tröpfchen für Tröpfchen auftaut, wird zu einem Markenzeichen von Wirtz und Gößling. Sogar einen richtig geilen Super-8-Suppenhühnchen-Porno bekommen die ZuschauerInnen zu sehen, im letzten gemeinsamen Programm "Der Entsafter".

Die Hammer Zeitung berichtet von einem Auftritt in der dortigen Stadtbücherei: "Die Story ist eigentlich nebensächlich, selbst die beiden Darsteller schienen sie streckenweise für unerheblich zu halten. Bemerkenswerter sind die vielen witzigen und (huch!) schockierenden Einfälle". Huch aber auch, ist es wirklich so ungewöhnlich, wenn eine Frau einem Mann aus dem Publikum Schuhe und Strümpfe auszieht, die Füße wäscht und dann die Zehen liebevoll abknutscht? Wenn nach der Pause eine lebendige 63-Kilo-Karotte mehr als fünf Sitzplätze okkupiert? Wenn zwei Zuschauer sich bis auf die Unterhose ausziehen (müssen)? Oder wenn - womit wir wieder beim Gefrorenen wären - ein Hähnchen über den Zuschauerreihen seine Kreise zieht? Konfrontationskurs von der Bühne einerseits, der Wettkampf mit anderen Gruppen um Auftrittstermine andererseits, von diesem Spagat legt eine Veranstalter - Werbung in eigener Sache im mit Nagelschere und Prittstift selbstgebasteltem Layout von anno 1988 beredtes Zeugnis ab: "Für uns spricht, daß wir an allen Veranstaltungsorten Anschlußverträge bekommen. Selbst in kleineren Orten wie Burscheid, Hilden, Wermelskirchen oder Orten mit eindeutig schwarzer Coleur (Paderborn, Münster) füllen wir die Säle." Was sich da andeutet, das ist das Dilemma zwischen der anarchischen, scheinbar spontanen, oft improvisierten Performance und der Sehnsucht nach dem Dank des "vollen Saales", ist der Wunsch nach Raum und Zeit für professionelles Arbeiten und Auftreten - und auch die Lust auf den Wettbewerb mit anderen Gruppen um die Gunst der VeranstalterInnen und des Publikums. Die Ära der Gefrierhähnchen und Karotten , der blanken Brüste und nackten Hintern, die Zeit also,"in der wir relativ im Untergrund gearbeitet haben", ist 1990 vorbei.

Die künstlerischen Wege von Rosa Wirtz und Rainer Gößling trennen sich, weil nur sie den Schritt in die Professionalität wagen will. Sie macht sich selbständig mit ihrem "Geschmacklosen Solo". Den fehlenden Mann markierten fortan alle mehr oder weniger aufrecht stehenden Dinge, die sich auf ihre Bühne mit so ungalublicher Geschwindigkeit ansammeln. Sie erzählt ihrem Keyboard irrwitzige Geschichten von Schimmelpilzkulturen, schmiert auf einem Bügelbrett Leberwurststullen "für ihn" - und klatscht sie dann mit voller Wucht gegen die Lautsprecherboxen, wo sie kleben bleiben. Bis zum Ende der Vorstellung. Das "Gemischte und Frauentheater Geschmacklos" ist Geschichte. Ein unsortierter Wust an an Zeitungsausschnitten und Schwarzweißfotos, an Eintrittskarten und Premiereneinladungen, selbstgeklebt, und einige wenige miserabel zusammenkopierte Videomitschnitte erinnern an sechs ausehenerregende Jahre. Für ihr zweites Solo "Herzdosen" bekam Rosa K. Wirtz 1994 den Förderpreis des Deutschen Kleinkunstpreises. Seit 1997 ist sie Künstlerische Leiterin des Kölner Atelier-Theaters. 1998 ist "Familie Wirtz" von der Südstadt in eine Wohnung über dem Theater gezogen. Viva Marie ist jetzt zwölf Jahre alt. Und Rosa K. Wirtz immer noch Vegetarierin.

Kölner Stadt Revue 03/99 / Text: Michael Meiger

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