Herzdosen


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"Also, wie bin ich dazu gekommen mich auf Bühnen zu stellen und eigene Texte zu interpretieren?

Als stilles Kind, das ich war, habe ich meinen Vater immer sehr bewundert. Er war 1. Vorsitzender des Karnevalsvereins Arloff-Kirspenich und konnte sehr charmant Witze erzählen und conferencieren. Meine Mutter hat ein sehr bewegtes Gesicht und eine mutterwitzige Art Anekdoten zu erzählen. Die Basis war also geschaffen.

Heute weiß ich, dass der Ausspruch meiner Mutter: "Du machst ja sowieso, was Du willst!" durchaus als Aufforderung gemeint war. Und so bin ich nach stillen Jugendjahren in der Eifel endlich in Köln gelandet. Jetzt empfinde ich mich als Kölnerin und auf der Schwäbischen Alb oder im Weserbergland glaubt man mir das auch.

Erst war ich brave Erzieherin, habe dann Sozialpädagogik studiert und reifte langsam zur "Stimmungskanone" im privaten Kreis. Ich glaube, dass es eine ziemliche Verantwortung ist auf Bühnen zu steigen und eigenes Leben zu veralbern. Dazu muß man erst was erlebt haben!!

Also, habe ich erst Mal gelebt, so bis Anfang dreißig. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal exponieren würde. Ich hielt mich damals für eine ziemlich ausgeglichene, bodenständige Person. Doch dann habe ich erstmals im Rahmen einer Zusatzausbildung zur Spiel- und Theaterpädagogin auf der Bühne gestanden. Wir machten eine Bädertournee mit SuperLichtShow und LiveRockBand und ich kleine Mimin in der Mitte. Es war nicht verhältnismäßig und trotzdem hat es mir gefallen, dass die Leute klatschten. Ab jetzt wollte ich das öfter haben.

Mit meinem Studienkollegen Rainer Gößling habe ich dann begonnen mich zu ASTA-Feten zu veröffentlichen. Unser 1. Auftritt war im Herbst 1985, von da aus ging es steil bergauf: "Teestube Hilden" "Zweischlingen" in Bielefeld, "Alte Feuerwache" Köln. Wir waren nobodys und immer ausverkauft. Das lag zum einen an den guten Fotos, die Herbert Sauerwein seitdem zu den jeweiligen Programmen gemacht hat und an unserem grandiosen, trendsettenden Namen: wir waren das "Gemischte Frauentheater 'geschmacklos' ". Damals war es noch etwas besonderes geschmacklos und Frau bzw. homophiler Mann zu sein.

Unsere größte Stärke war unsere Spielfreude, unser Dilletantismus bzw. Improvisationsgabe, unsere Bedürftigkeit nach Anerkennung und unsere Lust zu provozieren. Persönliches Leben war immer Ausgangsidee des Bühnengeschehens. So habe ich vor 14 Jahren an einem aufgetauten Huhn geübt zu pampern und kurze Zeit später, als die Schwangerschaft mit meiner Tochter Viva-Marie nicht mehr zu übersehen war, mit "Schwanger oder schwul - das ist doch egul" mit Rainer ein Programm über begattete Weibchen und belegte Brötchen geschrieben. Obwohl wir eigentlich unsere Programme nie aufgeschrieben haben. Wir haben uns alles erspielt. Kongenial ergänzt haben wir mehr Spaß als Arbeit bei den Proben gehabt. Da wir uns den Spaß auf der Bühne erhalten wollten, haben wir nicht so viel geprobt.

Unsere größte Chance sollte die Einladung zum SommerFestival "Neue Deutsche Unterhaltung" im Sommer 1990 im Schmidt Theater Hamburg werden. Natürlich haben wir wieder nicht geprobt und auch möglichst keineN RegisseurIn zu Rate gezogen. Wir waren überzeugt von uns als Naturtalente. "Mißtraue der Idylle" war sowieso unser Erfolgsstück - Achtung Hamburg, wir kommen!

Leider hatten wir das Pech, zur Premiere den Journalisten der Hamburger Morgenpost in Unterhosen über die Bühne zu schicken. Hätte er sich zu erkennen gegeben, hätten wir ihn natürlich freundlichst aufgefordert, es sich wieder im Publikum gemütlich zu machen. Konnten wir ahnen, dass dieser unfreiwillige Auftritt bei den anwesenden Pressekollegen so viel Schadenfreude auslösen würde ... Kurz und gut, wir bekamen einen ziemlichen Verrissvon Herrn Witzeling. Ich habe diese Kritik nie gelesen, aus Selbstschutz. Wir hatten bisher kaum Pressekritiken, geschweige denn einen Verriß. Freunde, die diese Ansammlung von Beleidigungen meiner Bühnenkunst gelesen haben, machten ernste Gesichter und meinten "Wenn Du das liest, gehst Du nie wieder auf die Bühne" (lesen Sie auch dazu die Kritik weiter unten im O-Ton als "kulturhistorisches" Dokument: "Lob der Geschmack-losigkeit"

Die Kritik tat also ihre Wirkung. Ich beschloß nie wieder auf Bühnen zu gehen. Ich rührte im Kinderladen "Birkenbäumchen" ein Jahr lang im Haferbrei und wollte mich nie wieder so zur Disposition stellen.

Wenn da nicht der nette Kollege Wilfried Schmickler aus glücklichen "Saxi"-Theater Zeiten auf mich zugekommen wäre und gemeint hätte : Sie bräuchten noch ein paar gute Frauen für die "PrunkSitzunk", eine Alternative zur alternativen Karnevals-"Stunksitzung" in Köln. Die besondere Leistung meiner Mitwirkung bestand darin, dass ich es geschafft habe, drei weitere PrunkKolleginnen dafür zugewinnen barbusig über die Bühne zu hopsen und Frauenbrüste zwar als Anschauungs-material, aber weniger als Lustobjekt zu präsentieren. Diese Brüstenummer ist dann noch in der "Off-Show" mit Helge Schneider und Reinhold Beckmann und in den "Mitternachtsspitzen" zu sehen gewesen. Zyniker behaupten ich hätte nur wegen dieser Nummer den Deutschen Kleinkunstpreis bekommen.

Und schon sind wir auf der sonnigen Seite meiner Karriere. Raus aus dem Schatten der Semiprofessionalität und hinein in die hauptberufliche Kabarettistinnentätigkeit. Ab Dezember 1991 habe ich stolz aller Welt und mir selbst meine neue Profession als Kabarettistin bestätigt. Dazu mußte ich erstmal meinen Namen erweitern. Ich wurde als einfaches Eifelmädchen geboren und nicht als Künstlerin. Man kann als Jürgen Becker berühmt werden, aber dann muß man auch ganz berühmt werden, sonst wird man verwechselt. Ich wußte nicht wie berühmt ich werden wollte und habe mich dann entschieden mein 'middle initial' K. wie Katharina in den Namen einfließen zu lassen. Es bedeutet für mich K. wie Kabarettistin, Kölnerin, Komödiantin, Könnerin, Komikerin und das sind nun wirklich viele gute Gründe mich jetzt Rosa K. Wirtz zu nennen.

"Ich bin der kommende Kabarettstar" mit diesen Worten habe ich mich bei Mehmet Fistik dem Leiter des 'atelier theaters' vorgestellt. Er hat gelächelt und mein Potential gesehen. Zwischen Weihnachten wollte er eigentlich zumachen, diese Termine könnte ich haben. Oh je, Premiere im 'atelier theater'! "Geschmackloses Solo" hieß mein erstes alleiniges Programm mit wunderbaren Stücken aus meiner DuoZeit und ein paar neuen Versuchen in Richtung Seriösität. Glücklicherweise saß jetzt ein Kritiker vom Fach bzw. Tanz/Theater im Publikum. Ihm gefiel meine reiche Gesichts- bzw. Körpersprache und die zahlreichen absurden Einfälle und er kürte mich zur weiblichen Variante von König Ubu.

Diese Kritik hat mir ziemlich viele Türen geöffnet. Außerdem war es 1992 immer noch eher selten, dass Frauen mit eigenen Texten auf der Bühne herummachten. Interessanterweise konnte ich vom ersten Moment meiner Selbständigkeit von meiner Kunst leben, - nun waren meine Ansprüche damals auch eher bescheiden.

Im Januar 1993 erblickten meine "HerzDosen" das Scheinwerferlicht. Mehmet Fistik hat mir nun regelmäßig den Montag im atelier theater angeboten und es ist mir gelungen, dieses Stück fast zwei Jahre lang wöchentlich in Köln zu zeigen.

Im Februar 1993 habe ich in Hamburg auf eine Einladung des Literaturwissen-schaftlichen Instituts eine Reihe andere Bühenkolleginnen getroffen. Wir haben uns spontan zu einem Netzwerk: Frau und Kabarett zusammen getan und im Nov. 1993 die erste FrontFrauenRevue im Kölner Stollwerck auf die Bühne gebracht. Das Projekt FrontFrauen ist von mir initiert und in Köln bis 1999 jährlich organisiert worden. Wir haben in allen großen Städten diese Festivals als Öffentlichkeitsarbeit für uns Kabarettistinnen genutzt, denn wir wollten nie wieder hören: "Es gibt ja keine Kabarettistinnen!"

1994 war ein sehr erfolgreiches Jahr für mich im September habe ich bei meinem ersten KleinkunstWettbewerb, dem ich mich stellte sofort gewonnen. Die "St. Ingberter Pfanne" wurde mir überreicht und im Nov. des gleichen Jahres wurde mir der Förderpreis im Rahmen des Deutschen Kleinkunstpreises zuerkannt.

Preisverleihung im Mainzer "unterhaus" 1995 : der Dt. Kleinkunstpreis (Förderpreis) geht an Rosa K. Wirtz. Von links nach rechts : Rosa K. Wirtz / R. Mey / Grupo di Valtorta / M. Deutschmann / M. Beltz

Als Kleinkunstpreisträgerin wird frau ziemlich viel rumgereicht. Kulturämter und Medien reißen sich um einen, das ist normal. Lernen mußte ich, dass in jedem Jahr ein neuer Förderpreis vergeben wird. O.K., mein Humor ist speziell, da war ich bisher auch eigentlich immer stolz drauf, aber um wirklich populär im besten Sinne des Wortes zu sein, muß man allgemeinverständlicher sein. Vielleicht hatte ich auch Angst vor'm Verbrennen, wenn man dem Licht zu nahe kommt. Jedenfalls glaube ich, dass jedeR die Karriere macht, die sie/er machen möchte. Ich bin solide Bühnenarbeiterin und in einem sehr priviligierten Beruf tätig. Wo bekommt man seine Anerkennung sonst so unmittelbar und den Arbeitslohn in bar ausbezahlt?

Ich suchte also neue Herausforderungen: Warum nicht einfach mal ein Theater betreiben. Eigentlich wollte ich das ATELIER THEATER nur erhalten, ich wollte die finanzielle Last tragen, aber nicht tagtäglich an der Kasse sitzen. Im Januar 1997 habe ich also im eigenen Theater mein Programm "Frau König" premiert. Es ist ein kluges, feines, fast philosophisches Programm und es bekommt allüberall die besten Kritiken und das beste Publikum.

Damit ich im eigenen Theater immer präsent bin, habe ich olle Kamellen aus meinen geschmacklosen Zeiten mit Rainer Gößling ausgepackt und in die Jetztzeit übersetzt. Es ist ein herrlich lauter, fast knalliger Reigen mit Hähnchen und HerrenUnterhosen ohne Verfallsdatum und ein Heidenspaß für mich und das erstaunlich junge Publikum. Kommen Sie doch mal vorbei in's ATELIER THEATER und schauen sich das aktuelle Programm von mir an: "Plöte Plumen - wenn Farauen zu sehr arbeiten"!


Lesen Sie dazu auch den exzellenten redaktionellen Beitrag von Michael Meiger über die wilden kabarettistischen Anfangjahre mit dem angemessenen Titel "Geflügelte Nummern".
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"Lob der Geschmacklosigkeit"

Pressekritik anlässlich des Auftrittes des "Gemischtes und Frauentheater Geschmacklos" (Rosa K. Wirtz / Rainer Gößling) im Schmidt-Theater/Hamburg

"22.Juli 1990. Mir ein unvergessliches Datum. Das gemischte Frauentheater aus Köln hat Schmidt - Premiere. Der MOPO - Kritiker landet unvorhergesehen in Unterhosen auf der Bühne. Dem Corny Littmann ist der unschuldige Mimen-Faux-pas noch heute ein bißchen peinlich. Geschenkt. Allerspätestens jetzt zum Zehnjährigem. Das war einer der Momente, da die schlimmen Alpträume wahr werden. Ausgezogen vor Premieren - Publikum im Scheinwerferlicht zu stehen.
Ausgerechnet in der bräunlichen Ekel - Sorte aus dem Billig-Six-Pack. Geschmacklos, dieser Mitmach-Theaterscherz! Klar. Dagegen war das Rudern zu Kommandos und Peitschenhieben von sexy "Kleopatra" Ralph Morgenstern oder die "Singschule" der "Plebsbüttel" - Kommödianten das reine Honigschlecken. Ja, im Schmidt müssen die Zuschauer manchmal für ihr Vergnügen selber schuften. Sicher ist man in diesem "Restaurationsbetrieb mit Aufführungsfläche" an der Reeperbahn vor nichts. Das machte die vergangenen zehn Jahre, das macht noch immer die Spannung, den ureigenen Reiz der kuscheligen Kiez-Bühne aus. Weil sie nun seriöser, etablierter und auch berechenbarer zu werden droht, scheint sie etwas an unberechenbarer Experimentierlust und an ungezähmten Charme einzubüßen. An die Rebellion und das Risiko einer eim positiven Sinne "geschmacklosen" großen "Kleinkunst" will ich erinnern. Sie hat in den Auftritten zahlloser, im Schmidt auch zu Reife und Ruhm gelangter Artisten und Clowns, Disseusen, Kabarettisten, Musikern, Narren, Sänger und Selbstdarsteller auf Tresen und Bühne Triumphe gefeiert. Im "Variätä" - Glanz des Schrägen und Schrillen. Auf des Messers Schneide zwischen begnadet gut und grottenschlecht. Und nicht immer auf den Spuren des Mißtrauens gegenüber der Idylle.
In der Show "Geschmacklos - Mißtraue der Idylle", damals vom Sommer 1990, verfehlte das Kölner Duo den eigenen Anspruch. Dem blutigen Laienmit-spieler machte der unfreiwillige Auftritt klar: Geschmacklosigkeit ist nicht einfach Geschmacklosigkeit. Sie kann geradezu zum Kunst-Katalysator avancieren, ohne einen schlechte Gechmack zu hinterlassen. Bitter darf er gerne sein. Doch nicht einfach nur schlecht. Der Hauch von einem Haut-gout, scharfsinnig kalkuliert aus ehrlicher Absicht, oder echtem Gefühl, kann den Zuschauer geradezu aus gewohnten Anschauungen und Meinungen reissen - leise schockhaft. Natürlich kann die "Geschmacklosigkeit" auch komisch wirken. Im besten Fall sogar subversiv. Die künstlerische Gradwandlung macht dann lustvoll Gänsehaut. Schenkt im Lachen vielleicht eine neue Einsicht oder gar Selbsterkenntnis. In jedem Fall den Spaß über das haarscharfe Surfen am Abgrund zum Banalen und Trivialen. Und den kleinen und den großen, den tragischen und den komischen Katastrophen des Alltags. In den Schreckensekunden damals auf der Bühne reagierte ich instinktiv. Wie in einer gefährlichen Lebenssituation. Ich markierte einfach den Trottel. Hinterher wurde mir klar: Die Maske der Komik entspringt der Verzweiflung. Dem sehr verständlichen Wunsch, seine Haut mit Anstand und Würde retten zu wollen. Solange etwas von diesem Kampf um Kopf und Kragen im Spiel auf der Bühne lebendig sich nach unten mitteilt, kann es keine Geschmacklosigkeit geben. Eher peinlich wirken die kommerziellen (bis zu einem gewissen Grad ja notwendigen und verständlichen) Spekulationen auf Nummer Sicher. Die Balance zwischen diesen Polen zu finden, wünsche ich Corny Littmann und seinem Schmidt - Team. Ihr Mut zur "geschmacklosen Kunst" wird über die nächsten zehn Jahre ihres Theater entscheiden. Wenn sie denn geboren ist aus der Not und dem Spaß am gesunden, manchmal auch wütenden Mißtrauen gegenüber jeglicher Art von verlogener (Spießer)Idylle."

Hamburger Morgenpost 07/90, Text: Klaus Witzeling